Ohne den Diesel-Zusatz AdBlue im Tank läuft heute nicht mehr viel bei Dieselfahrzeugen und damit beim Gros des Lkw-Verkehrs. Seit dem Anstieg der Gaspreise im letzten Jahr und erst recht nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs klettern die Preise für AdBlue zusammen mit dem Gas in schwindelnde Höhen. Wenn jetzt auch noch die Produktion ins Stocken kommt, könnten ganze Lieferketten lahmgelegt werden.

Diese Themen erwarten Sie hier:

  1. Warum steigen die AdBlue-Preise?
  2. AdBlue-Preisentwicklung 2021
  3. AdBlue kaufen: Enorme Belastungen für die Transportlogistik
  4. Stehen bald die Räder still?
  5. Was können Transportlogistiker tun?

Warum steigen die AdBlue-Preise?

Dieselfahrer brauchen SCR-Katalysatoren, um die Abgasnorm Euro VI zu erfüllen, und SCR-Systeme benötigen die Harnstofflösung AdBlue. Das Gemisch aus synthetischem Harnstoff und Wasser muss in regelmäßigen Abständen nachgefüllt werden, denn ohne einen AdBlue-Mindestfüllstand starten moderne Dieselmotoren nicht mehr. Aber warum steigen mit dem Ukraine-Krieg die AdBlue-Preise so rasant an, wenn es doch ein Harnstoffgemisch ist?

Erdgas: Unverzichtbar für AdBlue

AdBlue ist ein Syntheseprodukt aus Ammoniak, für dessen Herstellung wiederum Erdgas benötigt wird. Die Erdgaspreise haben bereits im vergangenen Jahr kräftig angezogen, weshalb es schon im Herbst 2021 zu Preissteigerungen bei AdBlue kam. Denn schon lange vor dem Beginn des Ukraine-Krieges hat der russische Staatskonzern Gazprom sein Gasangebot reduziert. Zur gleichen Zeit stieg nach dem Peak der Corona-Krise die Energienachfrage in Asien an und mit ihr die Gaspreise.

Einige Hersteller von chemischen Erzeugnissen drosselten mit Verweis auf den hohen Gaspreis sogar ihre Ammoniakproduktion, darunter die Stickstoffwerke SKW in Piesteritz an der Elbe in Sachsen-Anhalt. Sie sind der größte deutsche Hersteller von AdBlue. Bei SKW wurde seit dem letzten Herbst die AdBlue-Produktion mehrfach heruntergefahren, weil Erdgas so teuer geworden war, dass sich seine Verwendung für die Ammoniak-Produktion zeitweise schlicht nicht lohnte.

Anfang des Jahres 2022 schien das Tal im Hinblick auf AdBlue durchschritten zu sein. Die Preise waren zwar immer noch hoch, aber die Sorgen, es könne zu einem Mangel des essentiellen Stoffes kommen, waren gewichen – dann brach im Februar der Ukraine-Krieg aus und die Bundesregierung rief Ende März die erste Stufe des Notfallplans Gas, die sogenannte Frühwarnstufe, aus. Vor diesem Hintergrund und angesichts der noch höheren Gaspreise haben führende Hersteller erneut die Ammoniakproduktion gedrosselt, etwa die BASF an den Standorten Antwerpen und Ludwigshafen.

AdBlue-Preisentwicklung 2021

Unter 20 Cent pro Liter AdBlue waren es Anfang 2020 und im Sommer 2021 konnte man bei günstigen Angeboten einen Liter AdBlue immerhin noch für unter einem Euro erwerben. Bei der Markteinführung von AdBlue waren es gar nur rund 13 Cent pro Liter, also 13 Euro für 100 Liter – das entspricht eher den Dimensionen, in denen Transportunternehmer kalkulieren. Die seit Herbst ohnehin schon steil gestiegenen Preise für das Diesel-Additiv auf rund 35 Euro je 100 Liter am Anfang des Jahres 2022 haben sich seit Kriegsbeginn mehr als verdoppelt. 

AdBlue-Preisentwicklung 2022

Ende März 2022 lagen sie bei rund 76 Euro für 100 Liter, bevor sie bis Ende April zu einer erneuten Verdoppelung ansetzten: Jetzt wurde für Lkw-AdBlue an Tankstellen ein dreistelliger Preis für 100 Liter locker überschritten, mancherorts wurden 150 Euro verlangt – und auch bei Abnahme eines 1.000-Liter-Gebindes im Spezialhandel waren immer noch knapp 130 Euro je 100 Liter fällig.

Eine Prognose, wohin die Reise noch gehen soll, ist schwer abzugeben. Fest steht aber: Was für private Dieselfahrer sehr ärgerlich oder finanziell schmerzhaft ist, wird für Spediteure und Transportlogistiker zur existenziellen Bedrohung. Die AdBlue-Preise stellen eine erhebliche Zusatzbelastung für eine Branche dar, die aufgrund der schwindelerregend hohen Kraftstoff- und Energiepreise ohnehin schon mit dem Rücken zur Wand steht.

AdBlue kaufen: Enorme Belastungen für die Transportlogistik

Schon im Herbst 2021 warnte der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), dass ein AdBlue-Engpass „dramatische Folgen für ca. 90 Prozent der Lkw-Verkehre in Deutschland“ hätte. Weil AdBlue die technische Voraussetzung für den emissionsärmeren Betrieb von modernen Euro-6-Nutzfahrzeugen ist, würde sich ohne AdBlue demzufolge im Transportgewerbe kaum mehr ein Rad bewegen.

Weil Fahrzeugtypen und Einsatzarten stark variieren, sind allgemeingültige Zahlen zum AdBlue-Bedarf von einzelnen Lkw nur bedingt zu ermitteln. Schätzungen von Praktikern gehen aber davon aus, dass je nach Auftragslage und Einsatz der Fahrzeuge (etwa innerstädtisch oder über Land) man mit einem durchschnittlichen monatlichen Verbrauch von 500 Liter AdBlue je Fahrzeug kalkulieren kann.

Eine einfache Rechnung: Schon ein kleines Transportunternehmen mit nur 10 Fahrzeugen verbraucht demnach rund 5.000 Liter AdBlue im Monat. Gab es für das Additiv also im Sommer 2021 rund 5.000 Euro aus, waren es Anfang 2022 (bei einem 100-Liter-Preis von 35 Euro) 17.500 Euro und Ende März 38.000 Euro – die sich dann zum April hin auch wieder verdoppelt haben. Unter welchem Preisdruck die Branche gerade steht, die traditionell mit geringen Gewinnmargen operiert, kann man sich vor dem Hintergrund dieser Zahlen leicht ausmalen.

Stehen bald die Räder still?

Technisch ist AdBlue bei den derzeit verwandten Katalysatoren nicht ersetzbar. Diese sind auf lizensiertes AdBlue in seiner vorgeschriebenen Zusammensetzung ausgelegt. Und ein leerer AdBlue-Tank lässt die Räder buchstäblich stillstehen, denn in modernen Fahrzeugen erlaubt die Motorsteuerung bei leerem Additiv-Tank keinen Neustart mehr. Der Dieselmotor an sich kann zwar auch ohne AdBlue weiterfahren, aber nur mit vielfach höherer Abgasbelastung: Deshalb verhindert die Steuerung den Weiterbetrieb des Fahrzeugs.

Zwar lässt sich der Füllstandsmelder theoretisch durch Einfüllen von Wasser überlisten, davon ist aber abzuraten. Denn wenn eine andere Flüssigkeit eingefüllt wird, riskiert man mindestens eine Fehlermeldung des Motors und wahrscheinlich auch eine Beschädigung des Katalysators.

Es bleibt zu hoffen, dass die chemische Industrie auch in Zukunft genug Anreize hat, um weiter Ammoniak und AdBlue zu produzieren – oder dass diese Anreize politisch geschaffen werden. Sollte sich die AdBlue-Preiskrise zu einem ernsthaften Versorgungsengpass ausweiten, ist nicht nur das Transportgewerbe selbst betroffen: Kommt die Transportlogistik ins Stocken, brechen Lieferketten ab, der Industrie mangelt es an Rohstoffen, dem Einzelhandel an Waren und die Preisspirale dreht sich für alle weiter nach oben.

Was können Transportlogistiker tun?

Da der Ersatz von AdBlue keine Option darstellt, bleiben eigentlich nur frühe Bestellungen und gut geplante Vorratshaltung – was allerdings eine Verfügbarkeit von AdBlue voraussetzt. Langfristige Kooperationen mit zuverlässigen Lieferanten können sich nun auszahlen. Allerdings darf man es im Angebot-Nachfrage-Markt mit der Bevorratung nicht übertreiben: Notvorräte verschaffen jedem einzelnen Unternehmen für einen gewissen Zeitraum Planungssicherheit. In ihrer Gesamtheit wirken sie sich durch den signifikanten Nachfrageanstieg zusätzlich verschärfend auf die Preisentwicklung aus.

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